Grænzenlos [?]

Grænzenlos – das deutsch-dänische Magazin

Anders Køpke Christensen (TV SYD) und Simone Mischke (NDR SH) besuchen in dieser Doku-Reihe besondere Orte im deutsch-dänischen Grenzland und sprechen mit Menschen, die hier leben und arbeiten. Sehr interessant und eine Empfehlung an alle, die sich mit unseren nördlichen Nachbarn beschäftigen. Zumal es mehr Fortzüge Deutscher zu unseren Nachbarn gibt, als Zuzüge von dort. Lt. D-Statis sind im letzten Jahr 2.132 Deutsche nach DK ausgewandert (s. u.), 720 Bundesbürger sind aus Dänemark wieder nach Deutschland gezogen. Nur mal so zum Vergleich, Österreich: 11.383 hin, 6.415 retour.

Folge 1 [01.03.22] | 2 [24.05.22] | 3 [19.07.22] | 4 [geplant 09.22]

Bei einer Sequenz aus der ersten Folge musste ich schmunzeln. Besuch im Regionskontor Sønderjylland-Schleswig. Im Gespräch mit dem Leiter Peter Hansen zeigt dieser einen der Unterschiede zwischen Dänemark und Deutschland:

Ist es wirklich so, dass es in Dänemark nur noch Faxgeräte für die Korrespondenz mit Deutschland, deutschen Behörden gibt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass uns die Dänen bei der Digitalisierung meilenweit voraus sind. Das war schon in den 90ern so, als ich dienstlich in Sonderburg Einblicke in das dänische Verwaltungswesen erlangen durfte.

So ganz grænzenlos ist Dänemark nicht!

Dänemark hat mit all seinen Inseln eine rund 7.314 Kilometer lange Küstenlinie und nur 67 Kilometer Landgrenze – die zu Deutschland / Schleswig-Holstein. Und die hat es in sich – Schengener Abkommen (EU) hin oder her. Überhaupt: Selbstbewusst wie die Dänen sind, um den negativ konnotierten Begriff nationalistisch zu vermeiden, gilt die Maxime: So viel EU wie nötig und so wenig EU wie möglich. Dänemarks Platz in der EU steht auf ewig zur Debatte – sage nicht ich, sondern so ist in Dänemark zu lesen.

Na ja, ich muss ja nicht alles gut finden, was bei den Nachbarn so abgeht. Schon gar nicht die Grenzkontrollen, inkl. Staus, wie hier am Grenzübergang Krusau, auch nicht den entlang der gesamten Landgrenze errichteten sog. Wildzaun. Offiziell soll der den Wildschwein-Wechsel von Deutschland nach Dänemark wegen der Schweinepest verhindern, so wie hier am nur noch für Fußgänger/Fahrradfahrer nutzbaren Grenzübergang bei Niehuus. Und inoffiziell? He seggt so un se seggt so 😉

Apropos Grenze: Unvergessen bleibt für mich, als 2017 ein irrlichternder Rechtspopulist der Dansk Folkeparti tatsächlich den Wiederanschluss Südschleswigs an Dänemark ins Gespräch brachte, mit der dänisch-deutschen Grenze bis 1864 (deutsch-dänischer Krieg). Ja, auch das ist Dänemark. Rechtspopulisten gibt es halt überall. Ob man es gut findet, dass sich in Dänemark konservative Minderheitsregierungen von den Rechtsaußen haben stützen lassen, mag jeder selbst entscheiden. Man stelle sich das nur mal in Deutschland vor: CDU/CSU/FDP haben im Bundestag zwar keine Mehrheit, werden aber von der AfD als Regierung toleriert und unterstützt. Nee …, das will ich mir lieber nicht vorstellen. Dänen nennen das ideologiefreien Pragmatismus und für sie gibt es nur gute oder schlechte Politik. Auch das sage nicht ich, sondern so kann man es bei unseren Nachbarn lesen. Ebenso das hier:

Auszüge aus dem Leitartikel im Nordschleswiger (DK), das Bild ist mit dem Original-Titel verlinkt:

„Aus Deutschland ziehen viele Menschen nach Nordschleswig. … Tatsache ist: Unter jenen, die neu nach Dänemark und Nordschleswig kommen, sind auch so manche, die in Deutschland als Querdenkende bezeichnet werden. … Ja, Dänemark ist lockerer mit dem Coronavirus umgegangen als Deutschland. … Politik und Gesellschaft haben an einem Strang gezogen. … Die Menschen in Dänemark haben sich schnell und zahlreich impfen lassen, gerade die Älteren. … Weil es keine Entfremdung von den Institutionen des politischen Systems gibt, sprich: Weil es keine besonders verbreitete Querdenk-Bewegung in Dänemark gibt, hat Dänemark den Weg durch und (hoffentlich) aus der Corona-Krise reibungsloser gemeistert als Deutschland. … Das übersehen die, die herkommen, weil sie auf Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung ohne staatliche Einmischung setzen. … Hier ist relativ reibungslos möglich, was in Deutschland nicht möglich ist oder zu Protesten, auch und besonders von den Querdenkenden führt oder führen würde. Neben den Corona-Maßnahmen könnten wir aufzählen: Anlasslose Vorratsdatenspeicherung, Google-Streetview bis zur letzten Sackgasse, Tempolimits, hohe Bußgelder und enorm hohe Steuern auf Autos (und fast alles andere), ein zentrales Personenregister (CPR), das den Menschen eine Nummer zuweist, an die sich schiere Unmengen von persönlichen Daten knüpfen – auch die Gesundheitsdaten –, eine komplett digitalisierte Kommunikation zwischen dem Staat, sämtlichen Institutionen und den Bürgerinnen und Bürgern und vieles mehr. … Wer also nochmal darüber nachdenken will, dem sei geraten, noch vor der Grenze umzudrehen: Dahinter lauern nämlich allerorten Nummernschildscanner.“

Noch Fragen? Siehe auch: Det skal nok gå von gestern – quasi ein Pro zu dem Contra hier.


016 [Inhaltsverzeichnis]

7 Gedanken zu “Grænzenlos [?]

  1. inselwege 4. August 2022 / 7:55

    Du: „Ob man es gut findet, dass sich in Dänemark konservative Minderheitsregierungen von den Rechtsaußen haben stützen lassen, mag jeder selbst entscheiden. Man stelle sich das nur mal in Deutschland vor: CDU/CSU/FDP haben im Bundestag zwar keine Mehrheit, werden aber von der AfD als Regierung toleriert und unterstützt.“

    Man schaue in Deutschland nur nach Thüringen. Ich sage nur „Kemmerich, FDP, 2020“.

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    • Meier Sven 4. August 2022 / 8:10

      Ja, das war ein „Ausrutscher“. Oder so 😉
      Ich hab’s eben schon mal geschrieben: „Toute nation a le gouvernement qu’elle mérite.“ Jede Nation hat die Regierung, die sie verdient. Eine alte Binse 😉

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  2. Stella, oh, Stella 4. August 2022 / 9:45

    Ganz so reibungslos ging das alles auch in Dänemark nicht, aber die vom Staat subventionierten Medien haben von den Protesten nicht berichtet oder nur mal so am Rande zum Lächerlichmachen. Als unsere reizende Staatsministerin anfing von Zwangsimpfung zu reden, lange vor allen anderen Ländern, gab es 24-Stunden-Proteste vor dem Regierungsgebäude, wo geschockte Mitbürger unermüdlich auf Töpfe geschlagen haben. Das kann man bei den Pressekonferenzen von der Zeit auch manchmal im Hintergrund hören, es wurde aber nie richtig erwähnt. Die Medien suchten sich zielstrebig die absurdesten Personen aus einer Demonstration, um den ganzen Protest lächerlich zu machen. In den letzten beiden Jahren ist von Seiten der Regierung so viel an Einflussnahme auf öffentliche Aussagen vorgenommen worden, Leute, die von heute auf morgen die Meinung änderten und auf einmal einen Top-Posten in einer internationalen Organisation bekamen, dass das alles schon sehr nach Faschismus roch und mein Mann sein eigenes Land nicht mehr wiedererkannte. Nach dem Nerzskandal und den Zwangsimpfungsplänen und anderen Zwangsplänen wachte die Opposition dann endlich aus ihrem Dornröschenschlaf auf und schritt zur Handlung. U. a. war da der Vorschlag der Staatsministerin, dass der Gesundheitsminister einen Notstand ausrufen können sollte, ohne das Folketing zu konsultieren.
    Von den Protesten in Frankreich wurde bei uns auch fast gar nicht berichtet, dazu musste man ins Internet gehen. Ich hatte mich schon gewundert, dass gerade die Franzosen alles so protestlos hinnahmen.
    Dänemark hat übrigens nicht von Anfang an die Corona-Situation lockerer gesehen, im Gegenteil. Bei uns wurde auch das ganze Land zugemacht. Erst seit dem milderen Omicron und der Tatsache, dass die Geimpften sich lustig untereinander anstecken, geht man etwas lockerer damit um.
    Was das zentrale Personenregister angeht, habe ich auf meinem Führerschein stehen, dass ich in Dänemark geboren bin ( 😀 😀 ) und später fand ich heraus, dass ich auch im Personenregister als Dänin aufgeführt wurde, obwohl ich zur Fahrprüfung meine Aufenthaltsgenehmigung vorlegen musste.

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    • Meier Sven 5. August 2022 / 7:48

      Moin Stella.
      Ich habe vorsichtshalber bei den ‚Reportern ohne Grenzen‘ nachgeschaut, ob ich mein Bild von den dänischen Medien revidieren sollte 😉 NEIN!
      Vielmehr wird die soziologische These über den ‚Konsens über das Anerkannte‘ bestätigt, dass die Corona-Krise nur offenbart, wie divers unsere Gesellschaft (geworden) ist und dass es (schon lange) keinen breiten Konsens mehr über das gemeinhin Anerkannte gibt. Gleiches erleben wir auch beim Thema ‚Klimawandel‘ und wie damit umzugehen ist.
      Persönlich glaube ich, dass es diesen Konsens nie gegeben hat, sondern dass es seit je her Menschen gibt, die sich abseits der gesellschaftlichen Einigkeit und wissenschaftlicher Erkenntnisse verorten. In Deutschland sind das die oft kolportierten ’10 Prozent‘, teilweise wird auch zwischen 5 Prozent in West- und 20 Prozent in Ostdeutschland unterschieden. Und damit sind wir auch bei der False Balance …

      … und der immer wieder diskutierten Frage, welcher Raum (fundamentalen) Minderheitsmeinungen und Gruppierungen in den Medien bezüglich einer ausgewogenen Berichterstattung eingeräumt werden soll?
      Um nicht missverstanden zu werden, etwas Grundsätzliches für mich: Zu jeder Debatte gehört in Demokratien der (sachliche) Meinungsaustausch. Nur zeichnet jeden Demokraten auch aus, schlussendlich die Mehrheitsmeinung anzuerkennen und zu akzeptieren. Dabei ist für mich genau so wichtig, dass wir die Wissenschaft als etwas Pluralistisches ohne letzte Wahrheiten begreifen. Es mag immer neue faktenbasierte Erkenntnisse geben, die bisherige Entscheidungen infrage stellen. Aber eben ‚faktenbasierte Erkenntnisse‘ und nicht bloße Meinungen, auch nicht, wenn die von ‚Experten‘ stammen.
      Der bekannte Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens (Terra X, ZDF) hat das vor einigen Monaten so ausgedrückt, Zitat: „Es ist falsch, Verblendeten das Wort zu erteilen. Wir haben das journalistisch die ganze Zeit gemacht und damit riesigen Schaden angerichtet. Es ist ein journalistisches Grundversagen.“ Nun mag man diese Aussage so teilen oder nicht, sie zeigt aber, dass der Pluralismus in einer Demokratie kein einfacher ist. Das ist jedenfalls mein (soziologischer) Blickwinkel und ich will den hier auch gar nicht weiter kommentieren 😉
      Viele Grüße aus Scharbeutz

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    • Meier Sven 15. August 2022 / 9:25

      Moin Daggi. Die Dose war im Spam gelandet 😉 Nun ist sie hier und wir können weiter Faxen machen 😉
      Grüße, bleibe munter, wir lesen uns!

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