Die Macht der Fernbedienung

Sonntag. Fünf Tage war der alte Mann nun weg, jetzt schläft er wieder, oh wie schön, im eigenen Bett. Na ja, wenn Mann jobmäßig unterwegs ist und dafür seine Bubble verlässt, wie man neudeutsch sagt, dann gewinnt Mann auch andere Eindrücke. Interessante Eindrücke. Überhaupt, wenn Mann nicht die Macht über die TV-Fernbedienung hat. Was einen selbst interessiert, interessiert andere überhaupt nicht. Oder nicht mehr. Ein Gradmesser für das, womit wir uns befassen möchten, ist das Fernsehprogramm. Was keine Quote bringt, fliegt raus. Grundsätzlich. Und wenn das Publikum bei der xten Sondersendung, Krisen-News-Spezial, oder wat weiß ich, einfach zum nächsten Sender zappt, reagieren die Medienmacher.
Ich kann’s nicht mehr hören – wie oft haben wir das in den letzten 2 Jahren oder 2 Monaten gehört? Seit Erfindung der Fernbedienung hat die sich zu einem mächtigen Instrument entwickelt und bestimmt mit, was noch gezeigt wird und was nicht. Gleiches gilt natürlich auch für die Online-Medien: Desto mehr weiter- oder weggeklickt wird, wenn selbst das Clickbaitingdie Überschrift muss knallen – nicht mehr funktioniert, desto weniger wird in entsprechende Beiträge investiert. Die Medienmacher leben von der Quote.

„Deutschland ist heute in einer anderen Welt aufgewacht“, hat unsere Außenministerin Annalena Baerbock am unsäglichen 24. Februar gesagt. Jetzt, rund 11 Wochen später, ist die Welt immer noch eine andere, doch Deutschland ist wieder eingeschlummert. Jedenfalls die mit der Fernbedienung in der Hand. Dafür sind sie hellwach, wenn inflationsbedingt das Portemonnaie leer, aber noch viel Monat übrig ist. Voll sind nur Regionalzüge mit 9-Euro-Ticket-Fahrern und die Kassen der Öl-Multis. Und die der Rüstungskonzerne – aber das interessiert nur deren Aktionäre. Glücklicherweise haben wir mit Robert Habeck einen Dr. phil. als Wirtschaftsminister, der die Politik der Bundesregierung sowie selbst schlimme Krisen-Auswirkungen und Zusammenhänge noch in verständlich gute Worte kleiden kann. Das trägt zum sozialen Frieden bei. Ein Hoch auf die Philosophie!

Wie dem auch sei: Natürlicherweise findet jede Krise weniger Beachtung, je länger sie dauert. Wir arrangieren uns damit. Nur sind die Krisen dadurch nicht weg, keine Fernbedienung kann sie ausschalten. Wir können heute nur versuchen, die richtigen Programme zu wählen.
„Niemand wird heute sicher sagen können, ob jeder Schritt übermorgen richtig oder falsch gewesen sein wird. Aber die Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, darf keine Entschuldigung dafür sein, den Kopf in den Sand zu stecken.“
Wer hat’s gesagt? Richtig, unser Wirtschaftsminister-Philosoph, in einem SPIEGEL-Gastbeitrag im Oktober 2021 – heute aktueller denn je. Und bitte im Hinterkopf behalten: Wir leben in einer globalen Krisen-Dreifaltigkeit: Das Klima wandelt sich weiterhin, die Corona-Viren sind noch existent und mit dem Ukraine-Krieg wird sich die politische Weltordnung wohl verändern. Wie gesagt: Wählen wir die richtigen Programme!


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