Det skal nok gå

In diesen vier Worten – so wird gesagt – verbirgt sich die Lebenseinstellung der dänischen Nation. Frei übersetzt:
„Es wird schon irgendwie gehen.“
Claus Ruhe Madsen, gebürtiger Däne, seit Juli (parteiloser) Wirtschaftsminister in der SH-Landesregierung (Günther II), hat das ganz diplomatisch (Anfang Juli in einer dänischen Zeitung) so ausgedrückt hat:
In Deutschland geht es stärker in Richtung geordnet und in Skandinavien stärker in Richtung kreativ. Beides ist extrem wichtig. Da hat Schleswig-Holstein vielleicht einen Vorteil, weil es beides anbieten kann.“

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Foto-Blog von Frau P.:
Dänemark – 1234 – vom Juli 2022

Ich finde es immer wieder …, ich sag‘ mal faszinierend, wie unsere dänischen Nachbarn mit gleichen Situationen gelassener, pragmatischer umgehen als wir in Deutschland. Beispielsweise sagte der dänische Journalist Gwyn Nissen Ende Januar im NDR zum Umgang mit der Corona-Pandemie: „Es ist die dänische Lässigkeit auf der einen Seite und die deutsche Angst auf der anderen.“ Aber: Ist es wirklich die im Ausland oft zitierte „German Angst“, oder wird nicht einfach liebend gerne diese Stereotype bedient?

Meine These dazu ist ja seit je her, dass das medial viel mit Hegels Dialektik, These-Antithese-Synthese, zu tun hat. Erst die Meldung, dann finden sich immer welche, die das anders sehen – de klööksten Stüerlüüd sitt jümmer op’t Dröge – und am Ende wird alles von Experten irgendwie eingeordnet. Oder so ähnlich. Dieses mediale Breittreten von Themen bis zum Tz kann verwirren und schlussendlich wissen nur noch wenige, was wirklich Phase ist.

Zwei Beispiele aus dem Juli:
1) In einer dänischen Online-Zeitung ist zu lesen: De danske forbrugerpriser steget med 8,2 pct. på et år / Die dänischen Verbraucherpreise stiegen in einem Jahr um 8,2 %. Der Artikel hat es auf der Seite nie in die Tabelle der meist gelesenen geschafft. Und in Deutschland? Ein mediales Dauerthema.
2) Als Mitte Juli die Gasleitung Nord Stream 1 in Russland wegen Wartungsarbeiten geschlossen und in Deutschland tagelang debattiert wurde, ob danach wieder Gas strömen würde, und wenn nicht, was das bedeuten würde, gab’s in Dänemark wenig darüber zu lesen. Das Thema wird erstmal zur Kenntnis genommen und man wartet ab, viel mehr nicht. Danmarks gaslagre ligger i to landsbyer – og der er nok til flere måneder / Dänemarks Gasspeicher befinden sich in zwei Dörfern – und es gibt genug für mehrere Monate – war dann auch eher ein beruhigender Sachstandsbericht als wilde Spekulation.

Das ist – für mich – dieses Det skal nok gå, Es wird schon irgendwie gehen. In Deutschland hingegen wurde kommentiert: Angstdebatte ums Gas nützt Putin, als wenn der ARD-Kommentator Mario Kubina damit sagen will, dass auch auf tagesschau.de zu viel über das Thema berichtet und so nur Angst geschürt wird. Ach ja, Kurt Tucholsky hatte schon vor rund 100 Jahren recht: „Nähme man den Zeitungen den Fettdruck: um wieviel stiller wäre es in der Welt!“

Um nicht missverstanden zu werden: Ich weiß, Äpfel und Birnen: Dänemark ist ein paar Nummern kleiner als Deutschland, knappe 6 gegenüber mehr als 83 Millionen Einwohner. Und die Medienlandschaft auf dem kleinen dänischen Markt ist sehr überschaubar und wird subventioniert – kaum zu vergleichen mit dem zwanzigmal größeren deutschsprachigen D-A-CH-Raum, wo die vielfältigen Massenmedien mit allen Mitteln, auch unlauteren und bisweilen an die niederen Instinkte gerichtete Angebote, um gewinnbringende Marktanteile kämpfen. Dass dabei die Qualität oft auf der Strecke bleibt, versteht sich von selbst.
Das ändert m. E. aber nix an der grundsätzlich zufriedeneren Lebenseinstellung unserer nördlichen Nachbarn und dass eins ihr Ding NICHT ist: Das boulevardeske & typisch deutsche Hätte, Wenn und Aber. Alles nur Gelaber 😉

Vielleicht spielt auch das eine Rolle: Dänemark hat mehr Küstenmeter als Einwohner. Rein rechnerisch stehen jedem Dänen Pi mal Daumen 1,25 Meter zu – kein Wunder also, dass man in Dänemark mit dem Auto vielerorts an den Strand fahren darf. Ja, mit dem Blick übers Meer da dann so gemütlich sitzen und vom Nichtstun auszuruhen, das ist schon toll. Oder hygge. Oder wat weiß ich. Jedenfalls kann man das Leben so gut genießen …! Sicher nicht ohne Grund zählen die Skandinavier, so jedenfalls der World Happiness Report, zu den glücklichsten Menschen der Welt.

Das ist uns noch aufgefallen: Auf den rund 1.000 Kilometer allein durch Dänemark hat uns nicht eine einzige Autobahn-Baustelle behindert – welch Gegensatz zu Schleswig-Holstein auf der A 1 und der A 7 – und nicht viele Dänen fahren dort die erlaubten 130 km/h. Liegt das an den hohen Spritpreisen? Keine Ahnung. Jedenfalls habe ich mich dieser Fahrweise gerne angepasst, es war ein entspanntes Fahren und mein kleiner Knatterton hat wohl noch nie so wenig Durst gehabt wie auf dieser Reise: Pi mal Daumen 4 Liter Diesel. Damit genug der Subjektivität – und nach DK ist vor DK: Nächste Woche wollen wir mal ein paar Tage Richtung Tondern juckeln, bevor der Job wieder ruft. Det skal nok gå 😉

Wem das bis hier her zu viel Hygge, zu viel Lobhudelei war: Ein hab‘ ich noch, morgen: Grænzenlos [?] – quasi ein Contra zu diesem Pro.


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