Wenn es gut ist, Letzter zu sein!

Ab heute ist Herbst (für die Meteorologen)

Dat is nu mol so. Und deshalb blickt der DeutscheWetterDienst Ende August immer auf seine bzw. die drei Sommermonate Juni bis August zurück. In Kurzform: Hitzerekorde im Norden Deutschlands bis an die Küste, historische Trockenheit im Westen, Niedrigwasser und ausgetrocknete Flussläufe, Blaualgenplagen, zahlreiche Rekordwaldbrände, Trinkwassernotstände – oft Seite an Seite mit regionalen Starkregenfällen und Überflutungen. Der Sommer 2022 gehört zu den vier wärmsten in Deutschland seit 1881.

Grenzübergang bei Tondern, DK. Wenn Schleswig-Holstein der „echte Norden“ ist, was ist dann Dänemark als unser nördlicher Nachbar? Auf alle Fälle weniger arrogant?

Der „echte Norden“ ist Schlusslicht

Schleswig-Holstein (NDR-Link-Bild-oben) war im Sommer 2022 die kühlste Region in Deutschland. Hitzerekorde gab es dennoch: So wurde bspw. in Grambek, südlich Lübeck, am 20. Juli mit 39,1 °C ein neuer Bundeslandrekord aufgestellt und in Hamburg gab es für die Stadt an dem Tag einen Allzeitrekord mit 40,1 °C. Die Sonne strahlte hier im „echten Norden“ allerdings nur 740 Stunden und war damit das Schlusslicht im deutschen Sonnenscheinranking. Das war auch gut so! Nicht gut: Niederschlag fiel trotzdem auch bei uns viel zu wenig und das ist eine große Gefahr für unsere Grundwasserbestände.

Auf der Suche nach erholsamen Plätzen

Natürlich waren hier bei uns die Strände voll, gilt die Lübecker Bucht doch als Badewanne für das gesamte Hinterland, auch für die Hamburger. Einerseits kann ich jeden verstehen, anderseits frage ich mich oft, warum sich die Leute das antun: Staustress bei der An- und Abreise, volle Parkplätze gleich volle Strände, natürlich alles gegen Entgelt, nix is hier ümsünst, im Gegenteil, olls is düer! 😉 Aber das muss natürlich jeder selber wissen.

Zum Glück kennen wir den ein oder anderen Platz, der nicht so überlaufen ist. Fehmarn bspw., wenn man nicht gerade an den Südstrand fährt, sondern auf die andere Seite der Insel. Oh je, wie vertrocknet alles ist. Am Horizont, das sind übrigens Windmühlen vor Dänemark, Luftlinie rund 20 km entfernt. Da so queer rüber wird jetzt ein Tunnel gebaut. 2029 soll der fertig sein. Dann kann man rund 18 Kilometer unter der Ostsee durchfahren.

Ich bin kein Stadtmensch

Im Juli musste ich ein Wochenende dienstlich nach Berlin / Potsdam. Die Hauptstadt war im Sommer 2022 die wärmste deutsche Region und mit rund 795 Stunden schien die Sonne ausgesprochen oft. Das war quasi bezahltes Schwitzen – denn selbst wenn ich meinen Job ehrenamtlich & freiwillig mache, so doch gegen eine Aufwandsentschädigung. In meiner Freizeit hätte ich mir das nicht angetan 😉 Aber wenigstens hatte ich zwischendurch ein bisschen Zeit und konnte mir, wie hier im Glienicker Schlossgarten, schattige & idyllische Plätzchen mit Seeblick suchen.

Vis-à-vis befindet sich die geschichtsträchtige Glienicker Brücke – so habe ich im Schweiße meines Angesichts auch noch etwas für meine Bildung getan 😉 Schaut man genau hin, dann hatte die Havel wohl auch schon mal etwas höheren Wasserstände.

Nachdenkliche Aussicht / Resignation?

Sven Plöger, ARD Meteorologe & Klimaexperte, gehört neben vielen anderen Leuten vom Fach seit vielen Jahren zu den ewigen Mahnern bezüglich des Klimawandels und dessen Folgen. Seine Aussage vom Montagabend aus der ARD-Doku Die große Dürre (ab Minute 30:42) macht a) nachdenklich und zeigt b) m. E. eine gewisse Resignation:
„Das Ganze ist schon etwas, was mich seit Jahren emotional berührt. Und das liegt eben daran, dass man sich jetzt seit so vielen Jahren damit beschäftigt, dass man seit so vielen Jahren sieht, was sich wohl ändern wird, dass man spürt, die Dinge kommen so wie vorhergesagt – und doch sieht, wie langsam sich Gesellschaften verändern. Das ist offensichtlich menschlich, leider auch bedauerlich und ein Stück weit tragisch.“ Tja, up Platt seggt wi: Een kann nich so dösig dinken as dat kamen kann. Isso!


026 [Inhaltsverzeichnis]

Grænzenlos [?]

Grænzenlos – das deutsch-dänische Magazin

Anders Køpke Christensen (TV SYD) und Simone Mischke (NDR SH) besuchen in dieser Doku-Reihe besondere Orte im deutsch-dänischen Grenzland und sprechen mit Menschen, die hier leben und arbeiten. Sehr interessant und eine Empfehlung an alle, die sich mit unseren nördlichen Nachbarn beschäftigen. Zumal es mehr Fortzüge Deutscher zu unseren Nachbarn gibt, als Zuzüge von dort. Lt. D-Statis sind im letzten Jahr 2.132 Deutsche nach DK ausgewandert (s. u.), 720 Bundesbürger sind aus Dänemark wieder nach Deutschland gezogen. Nur mal so zum Vergleich, Österreich: 11.383 hin, 6.415 retour.

Folge 1 [01.03.22] | 2 [24.05.22] | 3 [19.07.22] | 4 [geplant 09.22]

Bei einer Sequenz aus der ersten Folge musste ich schmunzeln. Besuch im Regionskontor Sønderjylland-Schleswig. Im Gespräch mit dem Leiter Peter Hansen zeigt dieser einen der Unterschiede zwischen Dänemark und Deutschland:

Ist es wirklich so, dass es in Dänemark nur noch Faxgeräte für die Korrespondenz mit Deutschland, deutschen Behörden gibt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass uns die Dänen bei der Digitalisierung meilenweit voraus sind. Das war schon in den 90ern so, als ich dienstlich in Sonderburg Einblicke in das dänische Verwaltungswesen erlangen durfte.

So ganz grænzenlos ist Dänemark nicht!

Dänemark hat mit all seinen Inseln eine rund 7.314 Kilometer lange Küstenlinie und nur 67 Kilometer Landgrenze – die zu Deutschland / Schleswig-Holstein. Und die hat es in sich – Schengener Abkommen (EU) hin oder her. Überhaupt: Selbstbewusst wie die Dänen sind, um den negativ konnotierten Begriff nationalistisch zu vermeiden, gilt die Maxime: So viel EU wie nötig und so wenig EU wie möglich. Dänemarks Platz in der EU steht auf ewig zur Debatte – sage nicht ich, sondern so ist in Dänemark zu lesen.

Na ja, ich muss ja nicht alles gut finden, was bei den Nachbarn so abgeht. Schon gar nicht die Grenzkontrollen, inkl. Staus, wie hier am Grenzübergang Krusau, auch nicht den entlang der gesamten Landgrenze errichteten sog. Wildzaun. Offiziell soll der den Wildschwein-Wechsel von Deutschland nach Dänemark wegen der Schweinepest verhindern, so wie hier am nur noch für Fußgänger/Fahrradfahrer nutzbaren Grenzübergang bei Niehuus. Und inoffiziell? He seggt so un se seggt so 😉

Apropos Grenze: Unvergessen bleibt für mich, als 2017 ein irrlichternder Rechtspopulist der Dansk Folkeparti tatsächlich den Wiederanschluss Südschleswigs an Dänemark ins Gespräch brachte, mit der dänisch-deutschen Grenze bis 1864 (deutsch-dänischer Krieg). Ja, auch das ist Dänemark. Rechtspopulisten gibt es halt überall. Ob man es gut findet, dass sich in Dänemark konservative Minderheitsregierungen von den Rechtsaußen haben stützen lassen, mag jeder selbst entscheiden. Man stelle sich das nur mal in Deutschland vor: CDU/CSU/FDP haben im Bundestag zwar keine Mehrheit, werden aber von der AfD als Regierung toleriert und unterstützt. Nee …, das will ich mir lieber nicht vorstellen. Dänen nennen das ideologiefreien Pragmatismus und für sie gibt es nur gute oder schlechte Politik. Auch das sage nicht ich, sondern so kann man es bei unseren Nachbarn lesen. Ebenso das hier:

Auszüge aus dem Leitartikel im Nordschleswiger (DK), das Bild ist mit dem Original-Titel verlinkt:

„Aus Deutschland ziehen viele Menschen nach Nordschleswig. … Tatsache ist: Unter jenen, die neu nach Dänemark und Nordschleswig kommen, sind auch so manche, die in Deutschland als Querdenkende bezeichnet werden. … Ja, Dänemark ist lockerer mit dem Coronavirus umgegangen als Deutschland. … Politik und Gesellschaft haben an einem Strang gezogen. … Die Menschen in Dänemark haben sich schnell und zahlreich impfen lassen, gerade die Älteren. … Weil es keine Entfremdung von den Institutionen des politischen Systems gibt, sprich: Weil es keine besonders verbreitete Querdenk-Bewegung in Dänemark gibt, hat Dänemark den Weg durch und (hoffentlich) aus der Corona-Krise reibungsloser gemeistert als Deutschland. … Das übersehen die, die herkommen, weil sie auf Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung ohne staatliche Einmischung setzen. … Hier ist relativ reibungslos möglich, was in Deutschland nicht möglich ist oder zu Protesten, auch und besonders von den Querdenkenden führt oder führen würde. Neben den Corona-Maßnahmen könnten wir aufzählen: Anlasslose Vorratsdatenspeicherung, Google-Streetview bis zur letzten Sackgasse, Tempolimits, hohe Bußgelder und enorm hohe Steuern auf Autos (und fast alles andere), ein zentrales Personenregister (CPR), das den Menschen eine Nummer zuweist, an die sich schiere Unmengen von persönlichen Daten knüpfen – auch die Gesundheitsdaten –, eine komplett digitalisierte Kommunikation zwischen dem Staat, sämtlichen Institutionen und den Bürgerinnen und Bürgern und vieles mehr. … Wer also nochmal darüber nachdenken will, dem sei geraten, noch vor der Grenze umzudrehen: Dahinter lauern nämlich allerorten Nummernschildscanner.“

Noch Fragen? Siehe auch: Det skal nok gå von gestern – quasi ein Pro zu dem Contra hier.


016 [Inhaltsverzeichnis]