Ostholstein 1945

Frühjahr 1945. Mein Großvater war mit seiner Familie nebst meinem damals 15-jährigen Vater und einigen Verwandten auf der Flucht. Die Russen marschierten vom Osten kommend in Pommern (heutiges Polen) ein, also ab nach Westen. Soweit es ging und immer vor den Russen her.

1945. Auf der Flucht gen Westen. Quelle: Privat

Einige meiner Verwandten kamen bis hier nach Schleswig-Holstein, das erklärt auch meine Bindung zu Ostholstein. Die Familie meines Großvaters verschlug es weiter in südwestlichere Richtung – irgendwie versuchte man die Flüchtlinge nach dem Kriegsende auch zu verteilen. Die Kontakte zur SH-Verwandtschaft sind jedoch geblieben – besonders zu Tantchen auf Fehmarn.

Ankunft von Flüchtlingen in Meldorf (SH).

Allein aus deren Geschichten weiß ich, dass man den Flüchtlingen, später nannte man sie offiziell Vertriebene, inoffiziell Pollacken, in der späteren BRD nicht immer wohlgesonnen war – vorsichtig ausgedrückt. Eine besondere Last hatte damals Schleswig-Holstein zu tragen: Wie in keinem anderen Bundesland kamen hier auf vier Einheimische drei Flüchtlinge/Vertriebene.

Barackenlager. Eines von vielen ….

Der Mangel an Wohnraum, Nahrungsmitteln und Arbeitsplätzen war erdrückend und die materielle Not brachte viele Unruhen und Reibereien mit sich. Das Leben war von Entbehrungen geprägt – aber man hatte überlebt. Wahrscheinlich haben mich die Erzählungen als Kind so geprägt, dass ich zu dem Thema Flüchtlinge seit je her ein ganz besonderes Verhältnis habe.

Szenenwechsel: 2020. In den Nachrichten gibt es Meldungen über Schüsse an der türkisch/griechischen Grenze und Bilder, wie Griechen Flüchtlingsboote am Anlegen hindern und Gewalt ausüben. Bevor ich mich über diese Unmenschlichkeiten empören konnte, meldete sich mein innerer Zwilling und zwang mir eines seiner Zwiegespräche auf: „Hallo! Bevor du jetzt lospolterst, erinnere dich erst einmal, wie das 1945 hier vor unserer Haustür war! Cap Arcona, schon vergessen?“

3. Mai 1945: Überall in der Lübecker Bucht lagen die Toten. Quelle: Privat.

Ja, das war kein Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte. Die Cap Arcona …, grausam! Über vieles von damals wird bis heute geschwiegen, findet sich auch kaum in Nachschlagewerken wieder – und die Strandmörder vom 3. Mai 1945 sind traurigerweise später nie zur Rechenschaft gezogen worden. Doch Geschichten wiederholen sich. Nicht nur 1945 und 2020, immer und immer wieder. Aktuell heute in der Ukraine, der Krieg der Russen mit all den Gräueltaten, die wir in den Nachrichten sehen müssen. Butscha ist zum Synonym für die massenhafte Tötung von Zivilisten geworden. Wie groß muss der Hass sein, um unschuldige Menschen zu töten (?) – oder was für eine Motivation mag solch einem verabscheuungswürdigem Handeln inne liegen?

An der ostholsteinischen Ostseeküste gibt es zahlreiche Gedenkstätten, die an die vielen (~7.000) Opfer vom 3.5.1945 erinnern. Hier das in Neustadt. Quelle: Privat.

1945 musste ich noch über 10 Jahre auf das Licht der Welt warten. Mit dem Blick auf das, was war, war das auch gut so. Und heute, wo wieder auf europäischen Boden gekämpft wird und niemand seriös vorhersagen kann, was uns noch erwartet? Wenn heute im Oktober 2022 die ganz Alten Angst davor haben, dass sich ihre Erlebnisse von 1945 wiederholen, dann kann ich sie gut verstehen. Vielleicht ist es weniger die Angst vor einem Krieg auf deutschem Boden, sondern mehr die Furcht vor Not und Entbehrungen. Meine Mutter (85) bspw. weiß was es bedeutet, im Winter die Wohnung nicht heizen zu können. Uns, die die Geschichten lediglich vom Hörensagen kennen, bleibt nur die Hoffnung, dass sie uns erspart bleiben.

3. Oktober 2022 / aktualisiert am 4. Oktober 2022


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