Ostseesturmhochwasser im November 1872

… mit Vorlagen aus diesem Buch, herausgegeben vom Museum für Regionalgeschichte in Pönitz, Gemeinde Scharbeutz, und von Wikipedia.

Der Titel des Buchs mag vielleicht missverständlich sein. Ein Meteorologe aus Rostock hatte mich bei einem früheren Artikel aufgeklärt, dass es korrekt Sturmhochwasser heißen muss, weil es in der Ostsee weder Ebbe noch Flut gibt, sondern nur Hochwasser. Egal, der Begriff Sturmflut ist hier in Ostholstein jedenfalls weit verbreitet und die Definition einer Flut hat selbst laut Duden nicht zwingend etwas mit den Gezeiten zu tun. Also bitte alle Klookschieter nach rechts raustreten, der Rest nach links aufrücken 😉

Zur Sache: Das Ostseesturmhochwasser vor 150 Jahren, in der Nacht vom 12. auf den 13. November 1872, ist das schlimmste ever. Betroffen war die Ostseeküste von Dänemark im Norden bis Pommern im Osten. Der höchste gemessene Scheitelwasserstand betrug etwa 3,3 m über Normalnull.

In der folgenden Grafik kann man sehr gut die Höchstwasserstände von links, im Norden Flensburg, entlang der Küste bis rechts, Swinemünde (heute Polen, früher Pommern) im Osten nachvollziehen. Hier in der Lübecker Bucht waren die Wasserstände am höchsten. Spätere meteorologische Berechnungen ergaben sogar Wellenhöhen von bis zu 5,5 Metern. Für die Nordsee mögen das keine besorgniserregenden Höhen sein, für die Ostsee wegen ihrer gänzlich anderen Struktur schon. So wird das Ostseesturmhochwasser von 1872 auch in einem Atemzug mit der Sturmflut von 1962 an der deutschen Nordseeküste / Hamburg genannt. Nach offiziellen Zahlen sind 1872 in den dünn besiedelten Küstenregionen an der Ostsee 271 Menschen ums Leben gekommen, 90 Jahre später, 1962, hauptsächlich in Hamburg 340.

Anstieg nach Nordwest: Die maximalen Wasserstände an der deutschen Ostseeküste am 13. November 1872. Quelle: BSH-HH.

Wer an einer Meeresküste lebt, der lebt auch mit Stürmen und Hochwassern. So lange sich das im Rahmen hält, das heißt für die Ostsee bei uns Pi mal Daumen 2 Meter mehr als Normal, ist das alles noch in Ordnung und es gibt höchstens mal ein bisschen nasse Füße. Aber daran hat man sich gewöhnt.

Herausragendes Ereignis 1872: Die jährlichen Höchstwasserstände in Travemünde (SH) von 1825 bis 2020. Quelle: Melund-SH.

Für Wismar in Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Top-Ten-Liste. Von 1872 bis 2000 sind es aus 128 Jahren 6 Hochwasser, in diesem Jahrhundert in 22 Jahren sind schon vier unter den höchsten Zehn. Zufall – oder Klima?

Die 10 höchsten Wasserstände in Wismar (MV). Quelle: BSH-HH.

Zum November 1872: Vom 1. bis 10. November bestimmte tiefer Luftdruck über der Nordsee und Skandinavien das Wetter mit vorwiegend westlichen bis südwestlichen, zeitweise stürmischen Winden. Während dieser Zeit wurde Wasser aus der Nordsee über das Skagerrak in das Kattegat bzw. weiter in die Ostsee bis Rügen transportiert und erreichte dort am 9. November sein Maximum. Das auch, weil der Sturm aus Südwest das Wasser der südwestlichen Ostsee in Richtung Baltikum / Finnland trieb. Dort herrschte Hochwasser und an den dänisch-deutschen Küsten extremes Niedrigwasser. Am 6. / 7. November sank der Wasserspiegel an den Küsten von Mecklenburg und Schleswig-Holstein auf rund 100 Zentimeter unter Normal, wodurch das Einströmen großer Wassermengen aus der Nordsee durch das Skagerrak in die südwestliche Ostsee noch verstärkt wurde.

Eine sehr vereinfachte Darstellung der Windverhältnisse vom 1. bis zum 13. November 1872.

Am 10. November ließ der Südwestwind plötzlich nach, bei Travemünde herrschte um 18 Uhr Windstille. Am nächsten Tag entwickelte sich ein genau entgegengesetzter stürmischer Nordostwind, der sich zu einem zweitägigen Orkan ausbildete und die Wassermassen zurück Richtung Südwesten trieb. Von Nordost nach Südwest hat die Ostsee mit rund 1.000 Kilometern ihre größte Ausdehnung, entsprechen große Wassermassen wurden in Bewegung gesetzt. In den finnischen Hafenstädten fielen die Pegel auf 100 cm unter Normal. Ein Abfluss der Wassermassen zur Nordsee – über das nach Norden ausgerichtete Kattegat – wurde durch den starken Nordostwind behindert. Die im Nordosten der Ostsee aufgestauten Wassermassen schwappten durch den starken Nordostwind zurück und führten in der Nacht vom 12. auf den 13. November an den südwestlichen Ostsee-Küsten von Mecklenburg / Schleswig-Holstein und Dänemark zu unvorstellbaren Überschwemmungen. Solche Phänomene nennt man auch einen Badewanneneffekt.

Gegen solch ein noch nie dagewesenes Hochwasser war man natürlich nicht vorbereitet. Große Flächen wurde überspült, Menschen und tausende Stück Vieh ertranken, viele Häuser wurden zerstört, Ackerflächen vernichtet – und das alles bei eisigen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mit andauernden Schnee- und Hagelschauern. Mit am schwersten betroffen war das Fischerdorf Niendorf, heute Gemeinde Timmendorfer Strand. Durch die Aalbeek, die damals wie heute im Bereich des Niendorfer Hafens mündet, drang das Hochwasser in den landeinwärts liegenden Hemmelsdorfer See ein und bedrohte Niendorf auch von der Rückseite. Viele Fluchtwege waren abgeschnitten, ähnlich auch in Haffkrug wegen der gefluteten Haffwiesen..

Hochwassermarken-Stele in Niendorf an der Aalbeek. Ohne Schutzmaßnahmen an der Ostseeküste wäre hier in der Niederung regelmäßig Land unter.

In den Archiven gibt es heute noch einige Bilder, die von den damaligen Zerstörungen zeugen. Weil jedoch vor 150 Jahren Fotos noch exklusive Mangelware waren, wurde viel gezeichnet bzw. illustriert.

Nach dem Sturmhochwasser 1872, zerstörtes Haus in Niendorf (heute Gemeinde Timmendorfer Strand). Foto-Reproduktion aus einer alten Zeitung. Quelle: Gemeindearchiv Timmendorfer Strand.
„Der Zusammensturz eines Bauernhauses in Niendorf – Originalzeichnung von C. Oesterley“ für die Illustrierte „Die Gartenlaube“ 1872.
„Die Sturmfluth an der Ostsee: Ansicht aus Eckernförde“ – abgedruckt Januar 1873 in der „Allgemeine Familienzeitung Stuttgart“.

Heute orientiert man sich beim Ostsee-Küstenschutz an den Werten von 1872 und zieht natürlich den steigenden Meeresspiegel mit ein. Je höher der ausfällt, desto mehr Flächen werden irgendwann unter dem dann normalen Meeresspiegel liegen und bedürften aufwendiger Schutzmaßnahmen. Die HCU hat dazu eine interaktive Karte entwickelt:

Dieses Bild zeigt die Mecklenburger – / Lübecker Bucht im moderaten und sehr realistischen Szenario 1 und einem langfristigen Meeresspiegelanstieg um 47 cm bei 1,8 Grad Erderwärmung in den nächsten 78 Jahren bis 2100. Zum Vergleich: In den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel gemäß den Messdaten am Pegel Travemünde um 16 cm gestiegen. Tendenz stetig steigend:

Um eine Überflutung zu vermeiden, wird heute schon sehr viel Geld in den Hochwasserschutz investiert. Und der sieht hier so aus:

Hochwasserschutz in Haffkrug durch eine bepflanzte Düne und eine Mauer vor der Straße.
Hochwasserschutz in Scharbeutz – Aufbau siehe nächstes Bild. Die Durchgänge werden bei Hochwasser durch Schotten verschlossen.
Aufbau einer Hochwasserschutzanlage – unsichtbarer Schutz im Sand.

Das, was wir hier bei uns jetzt haben, soll erst einmal bis zum nächsten Jahrhundert reichen und hätte auch dem Jahrhunderthochwasser von 1872 weitgehend standgehalten. Na ja, hoffen wir das Beste 😉

Und bitte, weil das nichtwissende Touris immer wieder missachten:
DÜNEN SIND KÜSTENSCHUTZ !!!

3. Oktober 2022 / aktualisiert am 13. November 2022


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Siehe auch Niendorf im November (2022 mit einigen Bildern)