Sind wir jetzt „Moral-Weltmeister“?

… oder wenn das eigene Weltbild Fragen stellt …

Als bekennender Unterstützer von Non-Governmental-Organization (NGO), wie bspw. dem World Wildlife Fund und Human Rights Watch, habe ich mich von diesen internationalen Nichtregierungsorganisationen durchaus prägen lassen. Was kann verkehrt daran sein, sich abseits von Regierungen oder staatlichen Organisationen für die Umwelt und die Menschrechte einzusetzen? Beides geht uns doch alle an. Die Natur macht sich eh nichts aus Ländergrenzen und die Menschenrechte als moralisch begründete individuelle Freiheits- und Autonomierechte sollten doch universell für alle 8 Mrd. Menschen auf diesem unseren Planeten gelten. Soweit die Theorie.

Praktisch bewegen wir uns allerdings in einem Dilemma zwischen Moral und Doppelmoral. Genau in diese Wunde hat der Kolumnist Thomas Schmoll seinen Zeigefinger gelegt. Ich sag‘ mal so: Wenn man eine ordentliche Portion Häme mit einer guten Prise Zynismus paart, dann kommt man zu Schmoll. Seine Kolumnen-Reihe heißt nicht nur seinem Namen nach Aus der Schmoll Ecke, Schmoll bestätigt das Klischee des nörgelnden Deutschen m. E. auch ziemlich treffend.
Aber: Eine Kolumne ist eine Kolumne und eine Kolumne darf Spuren von Satire enthalten – und die darf bekanntlich alles! Sagte jedenfalls Kurt Tucholsky. Wer damit nicht klarkommt, der frage den Autor oder Redaktionsleiter 😉

Satire darf alles? Wirklich? Spätestens seit Freitagabend, als der Satiriker Jan Böhmermann im ZDF die fragwürdigen Kritiken an den Aktivisten der Letzten Generation in Form von RAF-/Terroristen-Vergleichen quasi umdrehte und sein #RAFDP-Fahndungplakat während seiner halbstündigen Moralpredigt präsentierte, schränken manche ein:
Vergleiche mit der RAF-Mörderbande – ob bei Politikern oder Umweltaktivisten – verbieten sich in jeder Hinsicht, sie sind weder witzig noch geistvoll!
Ok, rein von der Moral her gehe ich da mit. Allerdings waren Satire-Sendungen schon immer die überspitzten Echokammern der Politik bzw. gewisser Medien und wer das Echo nicht vertragen kann, der sollte nicht laut rufen. Das lernt jedes Kind. Oder gilt auch hier eine Doppelmoral? Wird mit zweierlei Maß gemessen? Wenn zwei Moralisten das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe?

Wie auch immer. Zurück zu meiner Eingangsfrage: Wären wir – oder ich – weltmeisterliche Moralapostel, müsste unser / mein Weltbild tatsächlich aus allen Fugen geraten. Würden wir allen Ansprüchen hinsichtlich der Menschenrechte und Umweltstandards genügen wollen, dann wären wir …, ja, wo wären wir dann? Wahrscheinlich irgendwo jottwede – janz weet draußen im wirtschaftlichen Niemandsland. Unsere Alt-Kanzlerin Merkel hat das jüngst in einem Interview sinngemäß so gesagt:
Wenn wir unsere Anspruchs-Messlatte zu hoch hängen, dann kann es sein, dass keiner mehr rüber springen kann.

Für meinen Seelenfrieden habe ich längst eine Anleihe bei Hannes Wader genommen:
Bei allen Vorstellungen von einer besseren Welt kommt das TROTZ ALLEDEM ins Spiel: Selbst wenn sie eine Utopie bleibt, habe ich sie anzustreben und mich so zu verhalten, als könne es so eine Welt geben. Jeder für sich – friedlich und ohne Krawall, ohne Übertreibungen, Populismus und Fakes – aber vielleicht mit ein bisschen mehr Vertrauen in das, was in der Wissenschaft anerkannter Konsens ist. Ich weiß: Eine Utopie. Trotz alledem …!

Apropos Fakes, das will ich noch loswerden:
Über das Bürgergeld ist ja viel Unsinn geschrieben worden. Aber ok, jedem seine Meinung dazu. Die durfte in den Tagesthemen auch der Achim Wendler vom BR äußern. Nur blöd, dass auch er dabei wieder Unsinn erzählte. Aber der Kommentar war gesendet, drehte in den sozialen Medien seine Runden und wer hat schon mitgekriegt, dass der am nächsten Tag auf der ARD-Seite online nicht mehr abrufbar war?

Ja, Fehler passieren. Jedem von uns hin und wieder. Nur dürfen wir an unseren ÖRR besondere Ansprüche stellen – ganz besonders in emotionsgeladenen und mit vielen Fakes gespickten Debatten wie die beim Bürgergeld. In diesem Fall hätte ich mir wenigstens eine Klar- bzw. Richtigstellung auf der Seite des ARD-Faktenfinders gewünscht.

Ein letzter Satz: Ich bin ein Freund der Satire mit ihrer teils humorvollen, teils überspitzten Kritik. Nur sollte sie als solche erkennbar sein und nicht als Deckmantel dienen. Und man sollte sie nicht ernster nehmen als sie gemeint ist. Aber letztlich ist es doch so: Man muss die Menschen vor den Kopf stoßen, damit sie lernen, ihn zu gebrauchen! (nach Dieter Hildebrandt). Dann klappt’s auch mit dem Weltbild – und man muss kein Weltmeister sein, um ein ehrliches zu haben … 😉


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Sie nannten ihn „Infantino“

Moin. Es gibt so wunderschöne Geschichten, man muss nur mit offenen Augen und Ohren durch die Weltgeschichte gehen. So wie vorgestern. Mittlerweile ist „Infantino“ Vergangenheit, ist nur noch ein zerbröselter Schatten seiner selbst. Leider nur der auf dem Provinzsportplatz.

#BoycottQatar? Ok, das Thema hatte ich schon, will es nicht aufwärmen. Nach Aufwärmen war mit allerdings vorgestern bei meinem Fußball-Alternativprogramm. Egal, gebe den Kids einen Ball – und sie sind glücklich. Und frische Luft ist allemal besser als drinnen zu hocken. Außer Mann friert 😉

Gestern. Deutschland spielt. Gegen Japan. Statt oder neben den Hausaufgaben hätten die Kids in der Nachmittagsbetreuung das Spiel um 14:00 Uhr anschauen können. Hätten, wenn nicht das Internet bzw. das WLAN gestreikt hätte. Was nützt das beste Schul-Smartboard, wenn es nur ein tonloses Standbild zu sehen gibt? Nörgel, nörgel, nörgel, also doch wieder zum Alternativprogramm:

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt ist das eins zu null für Deutschland gefallen. Der Rest ist Blamage, enttäuschte Kids – aber vereinzelt auch Schadenfreude, weil die Mannschaft vor Infantino eingeknickt ist und nicht die #ONE-LOVE-Binde getragen hat. Kann es sein, dass Kids nur nachplappern, was sie von Erwachsenen gehört haben?

Ich weiß nicht, wer diesen Spruch wann und warum an eine Tafel im Klassenzimmer geschrieben hat. Aber er hat was! In dem Sinne, bleibt munter … und Fußball ist auch nur ein Spiel 😉


051 [Inhaltsverzeichnis]

Wieso? Warum? Was soll das denn?

1. Stell dir vor es ist WM – und keiner schaut zu

Heute geht’s los. Der WM-Ball rollt. Nach 21 mal im Sommer nun das erste Mal im Winter. In Katar. Oder Qatar. Egal. Jedenfalls ist es im Sommer dort viel zu warm, deshalb ist die FIFA auf den Winter ausgewichen. Obwohl …, man sagt so, dass die großen europäischen Ligen, die eine solche Unterbrechung ihres Spielbetriebs erst nicht wollten, dann doch wollten, als so’n bisschen Geld in Form von sehr honorigen TV-Verträgen geflossen ist. Geld schießt im Fußball also nicht nur Tore, sondern macht scheinbar alles möglich. Auch das bis dato Unmögliche.

Genauso unmöglich ist im Grunde alles, was überhaupt zur Vergabe der WM in das kleine Land am Persischen Golf geführt hat. Es besteht der begründete Verdacht, dass dabei reichlich Geld geflossen ist. Ok, wenn die Katari neben ihrem Öl und Gas eins im Überfluss haben, dann Geld. Das übrigens in der deutschen Wirtschaft – VW, Porsche, RWE, Siemens, Deutsche Bank, Hapag Lloyd, usw. – gelegentlich sehr willkommen war. Und ist! Trotz alledem: Kaufen kann man nur, wenn es einen Verkäufer gibt. Und in diesem Fall ist das in erster Linie wohl der Weltfußballverband, die FIFA. Es gibt nicht wenige Kenner der Materie, die dabei von mafiösen Strukturen sprechen. Von denen, so munkelt man, auch seinerzeit Deutschland profitierte. Oder wie war das 2006 mit dem Sommermärchen?

Doppelmoral? Dieser Vorwurf wird uns Europäern dieser Tage häufig gemacht. Nachdem uns die Russen den Gashahn zugedreht haben, nehmen wir gerne jede Schiffsladung Flüssiggas aus Katar, bitten geradezu darum. Anderseits verurteilen wir die dortige Missachtung der Menschrechte, die Ausbeutung der Gastarbeiter und rufen zum #BOYCOTT der WM im TV und überhaupt auf. Ich denke, die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Vielleicht sollten wir uns aber mal erinnern, wie das mit den Gastarbeitern damals in Deutschland war … und wann wurde überhaupt der sog. Schwulenparagraph aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen? Na? Und gibt es selbst heute nicht noch bestimmte Kreise in unserer Bunten Republik, die Homosexualität ebenso für einen geistigen Schaden halten wie der katarische WM-Botschafter Khalid Salman? Um nicht missverstanden zu werden: Was damals war, rechtfertigt nix heute im Jahr 2022. Auch nicht in Katar. Ich habe mir nur mal einen Blick hinter die Kulissen erlaubt 😉

2. Mit Vollgas in die Klimahölle

Mit dieser Rede von UN-Generalsekretär Guterres und seinen bildlichen Worten – we are on highway to climate hell – begann vor zwei Wochen die 27. Klimakonferenz, diesmal im ägyptischen Scharm asch-Schaich. Heute hat man sich tatsächlich doch noch auf eine Abschlusserklärung geeinigt und jeder darf sich fragen, warum dabei nicht mehr raumgekommen ist. Na ja. Lest den Tagesschau-Artikel am besten selbst. Mein Fazit, um im Bild zu bleiben:

3. PDU/PSU

Nee liebe Leute, was jetzt von und mit Fritze Merz in der Nach-Merkel-Zeit aus der Union kommt, ich meine die mit dem C im Namen, ist für mich oft nur noch populistisch und deshalb P statt C. Sicherlich lebt eine Demokratie von der Meinung der anderen und eine Regierung zu kritisieren gehört zu den vornehmsten Aufgaben einer Opposition. Gar keine Frage! Aber wenn’s zum Populismus mutiert und Fakes verbreitet werden – etwas was wir sonst hauptsächlich von der rechten AfD kennen – dann muss ich das anprangern: Wat Recht is, mutt Recht blieven!

Wat für’n Blödsinn:Wir erleben mittlerweile einen Sozialtourismus dieser Flüchtlinge: nach Deutschland, zurück in die Ukraine, nach Deutschland, zurück in die Ukraine.“ So Unions-Chef Merz Ende September gegenüber Bild-TV. BILD-TV! Eine Fake-Aussage, die zu dem Niveau dieses Senders passt und die durch nix und gar nichts bewiesen werden kann bzw. konnte. Populismus auf Kosten der ukrainischen Frauen und Kinder, die vor den russischen Panzern und Bomben geflohen sind. Pfui! Nebenbei: Sozialtourismus war – aus gutem Grund – das Unwort des Jahres 2013!

Nun erzeugen Merz, Söder & Co eine Neiddebatte und machen Stimmung auf dem Rücken der Ärmsten gegen die Regierung: Sie suggerieren mittels fehlerhafter Grafiken, dass sich mit der Einführung des neuen Bürgergeldes Arbeit nicht mehr lohnen würde und man quasi genau so viel vom Staat fürs Nichtstun erhält, als wenn man arbeiten würde. Und das mit Erfolg, wie die Umfragen zeigen. Welch Menschenbild von faulen Dummbüddel, die ihren Arsch nur durch die Androhung von Sanktionen vom Sofa weg bewegen, haben diese Leute?

In dieser Union-Beispielsrechnung finden wir gleich mehrere Fehler:
• Bürgergeldempfänger werden, wie heute die Hartz-IV-Empfänger, einen Teil der Energiekosten, nämlich die Kosten für den Strom, selbst zahlen müssen.
• Die Miete ist ein Durchschnitt aller, aber nicht für Singles. Lt. BA liegt die bei rund 380 €.
• Die Energiekosten beinhalten nicht die Erstattungspauschalen und vorgesehen Deckel.
• Außerdem wurde verschwiegen, dass Arbeitnehmer(familien) mit geringem Einkommen ggf. Anspruch auf Wohngeld haben.
Und so weiter: Hier wurde lebensfremd etwas so hingerechnet, dass es zu den eigenen Argumenten passt. Dabei sollten im zivilisiert fairen Umgang miteinander die Argumente den Fakten folgen – und nicht umgekehrt!

Es gibt noch einige Beispiele mehr, Canabis, Gendern, und so weiter, einfach mal was raushauen, wenn nötig wieder ein bisschen zurückrudern und erklären, dass man es so ja nicht gemeint habe. Wenn sich dann Unionisten über Rechtspopulismus-Vergleiche mit der AfD beschweren, dann kann ich nur den Tipp geben: Wer nicht mit der AfD verglichen werden möchte, der sollte keine AfD-Sachen machen. Punkt! Wer jedoch auf den Zug aufspringt, den die Rechten auf’s Gleis gesetzt haben, der muss sich nicht wundern …!

So, wie sieht’s nun aus? 17:00 Uhr, WM-Eröffnungsspiel?
Ja, denn Politik ist Politik und Sport ist Sport?
Gibt es auf dieser internationalen Ebene überhaupt noch unpolitischen Sport?
Oder ist der Sport nicht schon längst von der Politik instrumentalisiert worden?


050 [Inhaltsverzeichnis]